Auslandsjahr Shanghai

  

Mit vor Angstschweiß feuchten Händen stand ich mit meiner Tochter Alexandra in der Schlange vor dem Counter zum Boarding nach Shanghai. Elf Stunden Flugzeit lagen vor uns. Zu jenem Zeitpunkt ahnten wir noch nicht, wie aufregend unser Aufenthalt in der 23 Millionen-Metropole sein würde. Freunde hatten uns Unterschlupf gewährt, während wir uns die chinesische Universität Jiaotong anschauen wollten, in der Alexandra für ein ¾ Jahr ihr Auslandsjahr absolvieren sollte. 


Am frühen Morgen des darauffolgenden Tages brachte uns ein Taxi zur Xin Ping Road und nach umfangreichen Kontrollen wurden wir auf ein weitläufiges Gelände mit Plattenbauten geführt. Die Szenerie mutete an, als seien wir in das Jahr 1950 zurückversetzt worden. Noch vollkommen im Jetlack gefangen, nahm uns eine sehr freundliche junge Dame in Empfang und führte uns in das Büro der Schulleiterin. Die darauf folgende Besichtigung nahm ich nur mehr schemenhaft wahr. Riesige Klassenräume als sogenannte Hörsäle in denen die Dozenten erhöht auf einem Podest stehen und absoluten Gehorsam verlangen, sehr fremd riechende Mensa, bei dem man nicht unbedingt wissen wollte, was es zu essen gab. Doch das beste waren die Unterkünfte. Dusche, Waschbecken und ein Loch im Boden als Klo und das alles auf nur einem Quadratmeter. Ein langgezogener Raum mit drei Hochbetten und darunter befindlichen Schreibmöglichkeiten rundeten das spannende Bild ab. Also die besten Voraussetzungen, meine Tochter guten Gewissens für knapp neun Monate in dieser Einrichtung zu wissen. 


Wie versteinert saßen wir wieder in einem Taxi auf dem Weg zurück in die Hu Qing Ping Rd , wo unsere Freunde  wohnten.  Wir sprachen kein Wort – ich wusste nur eines, in diese Einrichtung würde ich nie und nimmer meine Tochter ein so lange Zeit sich selbst überlassen wollen.